DEWEZET vom 06.12. 2008

Der Lachs soll in der Weser heimisch werden


Auch Stör und Aal sollen den Fluss neu beleben / Fischer sicher: Ansiedlung kann Jahrzehnte dauern

Von Andrea Gerstenberger

Weserbergland. Kehrt der Lachs in die Oberweser zurück? Nachdem ein 16 Jahre alter Angler Anfang November an der Staustufe Schlüsselburg bei Petershagen einen 76 Zentimeter langen Lachs an der Angel hatte, stellt sich die Frage, ob die Wiederansiedlungsbemühungen um den begehrten Speisefisch erste sichtbare Erfolge zeigen. Und zugleich ist es ein Anlass, die Situation der Weserfische zu beleuchten.
Lachs – ein Thema, das in Hameln und Umgebung nicht nur bei der jährlichen „Lachsmeile“, dem kulinarischen Höhepunkt im Reigen der Stadt-Events, von regem Interesse ist. In früheren Zeiten war er alltäglich, der „Salmo Salar“, wie sein lateinischer Name lautet. Es gab sogar die Verordnung, dass Dienstboten „nur“ fünfmal in der Woche Lachs bekommen durften. In unserem Jahrhundert ist der Wanderfisch, der seine Kindheit in den Buhnen der Weser verbringt, sich dann auf den gefährlichen Weg in den Nordatlantik macht, um schließlich zum Laichen zurückzukehren, eine begehrte Delikatesse. Wobei der Lachs, der heute in Hameln verzehrt wird, nicht aus der Weser stammt, sondern aus Skandinavien, Irland oder Übersee importiert wird.
Doch das soll sich wieder ändern. An die 5000 Jungfische setzen die Hamelner Pächter der Fischgründe jedes Jahr in der Weser als Besatzfische aus und hoffen damit, die Wiederansiedlung des Lachses in der Oberweser zu erreichen. Nur reicht allein das Aussetzen von Jungfischen nicht aus. Es gibt eine ganze Reihe von Rahmenbedingungen, die stimmen müssen.



Fischereipächter in Hameln ein Vorbild

Laut Carsten Brauer, Vorsitzender des Landesfischerverbandes Niedersachsen und selbst Berufsfischer in Landesbergen, sind die Hamelner Fischereipächter mit ihrem Engagement, zu dem auch der Bau der Fischtreppe an der Pfortmühle gehört, Vorreiter an der Weser. „Die Hamelner Fischer und Sportangler setzen damit ein positives Zeichen“, so Brauer, der auch Spartenvorsitzender der Fluss- und Seenfischer ist.
„Aber bis Hameln sind es sechs Staustufen, die zu überwinden sind und leider sind nicht alle so durchlässig, wie es für die Wanderfische nötig ist. Ein sehr komplexes Thema, das viele Interessen berührt. Nicht zuletzt die der Stromwirtschaft, in deren Turbinen ein Großteil der Junglachse in der sogenannten Smoldgröße von 30 cmschon auf ihrem Weg ins Meer sein Ende findet. Denn es wird zu vernachlässigt, dass der Weg flussabwärts für alle Wanderfische viel gefährlicher ist als der beschwerliche Weg flussaufwärts gegen die Strömung.“ Damit meint der Fischereiexperte die starke Ansaugströmung der Turbinen zur Stromerzeugung, denen die Fische hilflos ausgeliefert sind. „Eine sichere ,Umleitung‘ um diese Gefahrenquelle ginge zulasten der Effektivität der Energieerzeugung und berührt somit wirtschaftliche Interessen“, so der Fischer.
Berufsfischer Norbert Meyer aus Hameln schätzt wie sein Kollege aus Landesbergen, dass „von den ausgesetzten 5000 Babylachsen vielleicht zehn Prozent in der Nordsee ankommen“. Von diesen 500 haben laut Wissenschaftlern wiederum geschätzte 50 die Chance, jemals ihre Kinderstube wiederzusehen. Fragt sich also, ob die Bemühungen der heimischen Fischfreunde mehr wert sind als die erfolgreiche Sensibilisierung des Bewusstseins aller Beteiligten. Für das Aussetzen der Jungfische bestehen seitens der EU jedenfalls feste Vorgaben: Wer fischen will, muss auch für den Nachwuchs sorgen.
Der Aal, früher Brotfisch der heimischen Fischer und als Weserspezialität gehandelt, ist inzwischen ebenfalls zur Rarität in den Reusen rund um Hameln geworden. Auch er ist ein Wanderfisch, ebenso wie der Stör, der vor über hundert Jahren auch noch in der Weser heimisch war. Aale werden heute als durchsichtige „Glasaale“ aus Fischzuchtfarmen in Fernost in der Weser ausgesetzt und wachsen hier heran, um dann, entgegengesetzt zu Lachs und Stör, zum Laichen ins Meer zu wandern. Dabei sind es auch für die Aale die Turbinen, die zur tödlichen Gefahr auf diesem Weg werden. Zusätzlich sieht Meyer allerdings auch die Gefräßigkeit der immer stärker werdenden Kormoran-Kolonien in der Umgebung als eine Hauptursache für die immer kleiner werdenden Aalbestände an.
Eine weitere Komponente in der Betrachtung der Situation ist die Wasserqualität. Hier ist seit Jahrzehnten, und nun wieder besonders, die Salzbelastung der Weser ein Thema. Für Norbert Meyer war früher nicht das Salz an sich das Problem, sondern die unterschiedliche Konzentration. „Damals hatte sich das Ökosystem Fluss auf das Salz eingestellt. Schlimm waren nur die Spitzen. Als Futterfisch hatte sich der salzresistente getigerte Bachflohkrebs ,Gammarus tigrinus’ durchgesetzt, und wir hatten einen spitzköpfigen Aal mit zartrosa Fleisch in den Reusen. Heute gibt es wieder eine bunte Artenvielfalt mit auffallend vielen Muscheln als Nahrungsangebot, und wir fangen eine Mischung aus Spitz- und Breitkopfaal. Aber so eine Umstellung dauert 15 bis 20 Jahre, und sollte sich nun wieder eine Veränderung ergeben, kann man sich ausrechnen, welche Konsequenzen das für die Weser und ihre Bewohner hätte.“
Für Carsten Brauer vom Landesverband der Niedersächsischen Fischer ist es noch ein sehr weiter Weg, um die früher heimischen Wanderfische wieder zurück in die Weser zu bringen. „Da sprechen wir sicherlich von Jahrzehnten, in denen erst mal noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss“, sagt einer der letzten Fischer an der Weser.



FAKTEN

Die Familien der Aale, Lachse und Störe

Aale gehören zur Familie der Aalartigen. Sie haben einen lang gestreckten Körper und ähneln aufgrund der fehlenden Bauchflosse einer Schlange. Rücken-, Schwanz- und Afterflosse bilden einen Flossensaum um den Körper herum. Sie haben außerdem zwei kleine Brustflossen. Ihre Haut ist bräunlich, dick und schleimig. Die Körperunterseite ist weiß. Der europäische Aal verlässt zur Fortpflanzung die Süßwasserseen und -flüsse, um ins Meer zu wandern. Die Jungaale kehren dann vom Salz- ins Süßwasser zurück.Lachse gehören zur Familie der Lachsartigen. Sie zeichnen sich durch einen muskulösen, stromlinienförmigen Körper aus. Brust- und Bauchflosse sind bei Lachsen paarweise vorhanden. Rücken-, After- und Schwanzflosse sind einzeln vorhanden. Ihre Haut ist silbrig glänzend. Der stark bezahnte Kiefer weist den Lachs als Raubfisch aus. Lachse leben in sauerstoffreichen Regionen von Flüssen, Seen und Meeren. Im Gegensatz zum Aal verbringen sie einen Teil ihres Lebens im Salzwasser und wandern zur Laichzeit in Süßwassergebiete zurück.Die Störe gehören zur Familie der Störartigen. Äußerlich ähneln sie mit Schädel und Wirbelsäule einem Hai. Die Schnauze ist lang gestreckt und mit Bartfäden besetzt. Diese dienen zur Nahrungssuche im Boden. Die Hautfarbe ist braun-weiß. Störe sind nördlich des Äquators in Süß- und Salzwasser heimisch. Die wandernden Störe wachsen zunächst im Süßwasser auf und wandern später ins Meer. Ist die Geschlechtsreife erreicht wandern sie wie die Lachse wieder in die Flüsse zurück, um dort abzulaichen.


Quellen:Tessloff Verlag, Was ist was, Band 41 Fische;
www.fischinfos.de;
www.natur-lexikon.de
chp

Auch der Stör war früher in der Weser beheimatet. Versuche, den Lachs  wieder in dem Strom anzusiedeln, waren bisher nicht sonderlich erfolgreich.
DEWEZET vom 06.12. 2008

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